„KI kann Menschen zu Dingen ermächtigen, zu denen sie vorher nicht fähig waren“

Stephan Noller über Hermes 3000.ai, KI und die Zukunft des Schreibens

Stephan Noller, der bereits seit zwei Jahrzehnten im Bereich Machine Learning tätig ist, verfolgt mit seiner Firma Hybrid AI eine klare Vision: Künstliche Intelligenz soll den Menschen nicht ersetzen, sondern ihn bevollmächtigen. Während viele die Sorge äußern, dass KI Autoren überflüssig machen könnte, sieht Noller darin eine Chance für all jene, die zwar die Lust am Schreiben und kreative Ideen haben, aber an der strukturellen Hürde scheitern. Ein Gespräch mit dem Marketing- und Vertriebsexperten Patrick Meier. 

Stephan, du beschäftigst dich seit geraumer Zeit mit Künstlicher Intelligenz – nicht erst seit gestern. Was treibt ihr bei Hybrid AI, und wie kam es zu Hermes 3000?

 Ich bin Diplompsychologe und beschäftige mich tatsächlich schon seit 20 Jahren mit Machine Learning, wie man es früher nannte. Die Idee war immer: Mit Daten und Algorithmen schönere Erlebnisse für Menschen schaffen. Meine allererste Anwendung – noch vor dem Internet – war ein Museumsagent, der Leuten half, Exponate zu finden, die sie spannend finden könnten. Die Leute hatten damals krasse Apparaturen auf dem Kopf, völlig unpraktikabel. Aber die Grundidee war schon da: Menschen mit Algorithmen mehr Zugang zu Kunst verschaffen. Nicht den Menschen ersetzen, sondern jedem einen Museumsführer geben.

 

Das erleben wir ja gerade in der Werbung – da steht ein Pärchen mit dem Handy im Museum und scannt Exponate ab.

 Genau. Und ich glaube, dass KI per se Menschen zu Dingen ermächtigt, zu denen sie vorher nicht fähig waren. Sich Wissen anzueignen, mit Wissen zu arbeiten. KI kann unglaublich helfen – zum Beispiel in einkommensschwachen Familien, wo man sich keine Nachhilfe leisten kann. Plötzlich kriegst du für 20 Euro einen Assistenten. Das mögen nicht alle Leute, aber ich finde es gerecht.

 

Und wer ist die Zielgruppe von Hermes 3000? Wollt ihr Autoren unnötig machen?

 Das wollen wir natürlich gar nicht. Meine Frau und ich hatten die Idee, über Weihnachten einen seichten Liebesroman zu schreiben. Wir haben Arbeit, Kinder, wenig Zeit – und kommen einfach nicht ans Schreiben. Ich glaube, diese Gruppe ist riesig groß: Leute mit Lust aufs Schreiben, mit Ideen, die es aber nicht schaffen, die Hürde zu nehmen. Denen wollen wir helfen, ans Schreiben zu kommen.

 

Der Buchmarkt wird doch jetzt schon überflutet mit Inhalten, menschlich generierten, KI-generierten, von Verlagen, von Selfpublishern. Warum noch mehr? Wo gibt es da eine Nachfrage?

Na ja, also zum einen wird es einen erheblichen Unterschied geben zwischen guter Literatur mit KI-Unterstützung und KI-Trash. Zum anderen ist z.B. im Bereich Young-Adult und Fan-Fiction noch viel Raum für mehr Literatur. Und schließlich: hermes3000 hat sehr starke KI-Assistenten eingebaut, die dem Autor helfen, einen guten Text selbst zu schreiben, z.B. den Stil-Assistenten nach A. Eschbach. Da unterstützt es also klassische Autoren darin, bessere Texte zu machen.

 

Viele denken ja: Ich gebe einen Prompt ein, „Schreibe Liebesroman in Paris“, und dann kommt was raus. So einfach ist es aber nicht, oder?

Nein. Unser Tool setzt darauf, dass du viele strukturelle Elemente erst mal anlegst – mit KI-Unterstützung. Den Plot, die Charaktere, Antagonist, Protagonist, innere Konflikte, Kapitelstruktur, Schreibstil. Im Hintergrund wird dann ein riesiger Prompt zusammengebaut, der all diese Informationen enthält und vor allem konsistent hält über einen längeren Text hinweg. Das ist die hohe Kunst.

 

Das Problem ist ja, dass die KI dazu neigt, Dinge zu vergessen.

Total. Du kannst zwar einen superkomplexen Prompt schreiben, aber eine verwobene Dynamik – dass Konflikte überwunden werden, sie sich doch in den anderen verliebt – das kriegst du nicht statisch abgebildet. Du musst dynamisch prompten, immer mitziehen. Wir haben eine sekundäre KI im Hintergrund, die den fortlaufenden Text analysiert: Wie hat sich Person A entwickelt? Ist der Konflikt gelöst? Das ist entscheidend, damit keine toten Texte entstehen.

 

Du hattest zwei Praktikanten da, Achtklässler. Was ist da passiert?

Die haben jeweils an einem Tag ein über 200 Seiten starkes Buch verfasst. Fanfiction. Das war mir vorher gar nicht so bekannt, aber das ist ein riesiger Bereich. Manchmal liegt ein Jahr zwischen zwei Bänden einer Lieblingsreihe, und dann schreibt man halt einen Zwischenroman. Die haben sich viel Gedanken gemacht über Struktur, Plot, die Namen der Figuren. Der tatsächliche Text war dann eher Transportmedium – kein Thomas-Mann-Anspruch, professionelle Gebrauchsliteratur.

 

Normalerweise würden zwei 15-Jährige im Auto sitzen und zocken.

 Genau! Bring mal zwei 15-Jährige dazu, ein Buch zu schreiben. Plötzlich teilen sie das im Klassenchat. Das Schreiben wird wieder aufgeladen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass da ohne Ende neue Autorinnen und Autoren entstehen. Vielleicht sind die in zwei Jahren völlig ohne KI am Schreibtisch – aber sie wurden herangeführt.

 

Wer neugierig ist: Die Ergebnisse der beiden kann man sich unter fantasy-welten.lovable.app anschauen. Aber natürlich gibt es auch Kritik. Das Thema Urheberrecht, die Frage, ob alles geklaut ist.

 Ich sehe das so: Was mir nicht gefällt, ist, wie Verwertungsrechte ignoriert werden. Da werden teilweise Rechte mit Füßen getreten. Mir wäre lieber, es würde eine Art Erlösquelle geben, eine Vergütung der Leute, die diese Texte verfasst haben. Es ist eine neue Art von Fair Use, eine Rekombination, wie es sie immer gegeben hat. Aber bei diesen Monster-Profiten darf schon was zurückfließen.

 

In Deutschland gibt es ja den Trend zu sagen: Das müssen wir alles verbieten.

 Ja, aber das wird nicht funktionieren. Diejenigen die sich wenig an internationales Recht halten, werden sich nicht aufhalten lassen. Die hat es schon nicht interessiert, als sie BMW-Zahnrädchen nachgebaut hat. Die Frage ist nicht, ob KI kommt, sondern wie wir sie gestalten

 

Andreas Eschbach hat einen schönen Artikel geschrieben über die Frage, ob man vom Schreiben leben kann.

 Ja, er analysiert, dass etwa 100 Leute im deutschsprachigen Raum wirklich vom Schreiben leben können. 100! Da gibt es natürlich viel Nebenerwerb, aber wir reden nicht von den Mitarbeitern der Automobilindustrie. Die Diskussion, dass wir einen Beruf zerstören, halte ich für abwegig. Ich glaube, wir werden mehr Varianten von Schreibberufen sehen.

 

Wir Deutschen neigen ja dazu, das Ganze romantisch verklärt zu betrachten. Der einsame Autor am Schreibtisch…

 Genau, diese goethehaft verstrahlte Vorstellung. Aber die stimmt historisch gar nicht. Dumas hatte Autorenkollektive. Rembrandt hatte Werkstätten. Diese Idee des genialischen, singulären Autors ist ein Produkt der Romantik – und wahrscheinlich sind wir Deutschen besonders anfällig dafür.

 

Ein Verlagsmitarbeiter hat dir kürzlich etwas Interessantes gesagt.

 Ja, behind closed doors. Er sagte: Was die KI bringt, ist etwas, das Schreibende verzweifelt suchen – ein Gegenüber. Jemand, dem du sagen kannst: Diese Überleitung hier, ist die richtig? Sollte die Person später auftreten? Du kannst nicht zum hundertsten Mal deinen Partner bitten, alles durchzulesen. Ein Lektor wird auch wahnsinnig. Aber die KI ist ein ständig verfügbares Gegenüber, das deinen ganzen Text kennt. Das ist unglaublich wertvoll.

 

Man kann ja auch sagen: Du bist jetzt ganz kritisch, sei garstig.

 Genau! Du bist Günter Grass, du bist Reich-Ranicki – leg los!

 

Wie sehen das die Verlage?

 Gemischt. Teilweise hören wir: O Gott, es kommen so viele Manuskripte. Aber Hermes 3000 ist klar auf den Self-Publishing-Markt ausgerichtet. Wir haben auch viel Arbeit reingesteckt in druckfertige PDFs – mit asymmetrischen Seitenabständen und allem. Das ist bei BoD oder KDP oft nicht das Gelbe vom Ei.

 

Was glaubst du, wie es weitergeht?

 Meine These: Es kommen mehr Leute ans Schreiben als vorher. Mehr Menschen finden Freude am Schreiben. Und es werden überraschend gute Texte entstehen. Ich verstehe die Ängste – KI ist ein unglaublich starkes Tool, das an vielen Stellen rütteln wird. Aber darauf zuzugehen, es aktiv zu nutzen, zu verstehen, wie es funktioniert – das ist die richtige Herangehensweise. Nicht verdammen.

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Stephan Noller ist Diplompsychologe und beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Machine Learning. Mit hermes3000.ai hat er ein Tool entwickelt, das Menschen beim Bücherschreiben unterstützt – nicht als Ersatz für den Autor, sondern als kreativer Partner.

Patrick Meier ist Experte für digitale Medienvermarktung und programmatisches Marketing. Als Content Creator (#digitalpaddy), Berater und Autor unterstützt er Agenturen und Medienunternehmen bei strategischen Transformationsprozessen im digitalen Werbeumfeld. Patrick ist Erfinder von narratiQ, einer spezialisierten Software zur systematischen Analyse von Buch-Manuskripten.