Der Paradigmenwechsel im Verlagsmarketing

Neue „Digital Marketing Benchmarks“ von Torsten Schwarz, Absolit – für Verlage interpretiert

Vom Content-Produzenten zur KI-Infrastruktur: Das klassische SEO stirbt nicht, aber es verliert seine monopolistische Gatekeeper-Rolle an generative KI-Systeme. Die neue Ausgabe der „Digital Marketing Benchmarks“ von Torsten Schwarz offenbart einen historischen Strukturwandel im Digitalmarketing. Für Verlage bedeutet dies: Wer weiterhin nur auf traditionelles Content-Marketing und klassische Suchmaschinenoptimierung setzt, verliert den Anschluss an die KI-getriebene Entdeckbarkeit („Discoverability“) ihrer Inhalte.

Published: 10.9.2026  |  Foto / Video: Magnific

Die umfassende Befragung von 2.595 Marketing- und Werbeverantwortlichen im DACH-Raum (durchgeführt von Marketing-Börse in Kooperation mit Horizont, Dmexco und dem BVDW) zeichnet ein eindeutiges Bild: Künstliche Intelligenz ist endgültig vom experimentellen Werkzeug zum zentralen Betriebssystem des Modernen Marketings avanciert.

Fünf der zehn wichtigsten Marketing-Trends des Jahres 2026 drehen sich direkt um KI-Technologien. Besonders eklatant ist dabei die Verschiebung der Prioritäten weg von der reinen Content-Menge hin zu systemischer Entdeckbarkeit, Dateninfrastruktur und direkten Dialogschnittstellen.

Wir haben die allgemeinen Ergebnisse aus Sicht von Verlagsmenschen interpretiert.

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Der radikalste Wandel: Von SEO zu GEO

Für Verlagsmanager:inen enthält die Studie ein alarmierendes Warnsignal: Das traditionelle Suchmaschinen-Marketing verliert drastisch an strategischem Gewicht.

• Klassisches SEO fällt von Rang 17 auf Rang 33 zurück.

• Helpful Content verliert 22 Ränge (von Rang 25 auf 47).

• Im Gegenzug schießen AI Search (Rang 2) und der Neueinsteiger GEO (Rang 5) an die absolute Spitze.

Die Ursache: Das Phänomen der „Zero-Click Searches“ nimmt insgesamt rapide zu (die Studie liefert hierzu allerdings keine Zahlen). Nutzer suchen Informationen nicht mehr, um blaue Links anzuklicken, sondern erwarten synthetisierte Antworten direkt in KI-Systemen (wie ChatGPT, Claude, Gemini, Perplexity oder Google AI Overviews).

Was bedeutet das für Verlage? Wer KI-Search wie traditionelles SEO misst, unterliegt einer gefährlichen Scheingenauigkeit. Entscheidend ist nicht mehr nur der Klick auf die eigene Domain, sondern ob die verlagseigenen Inhalte, Recherchen und Fachberichte von Large Language Models (LLMs) als autoritative Quelle zitiert und verarbeitet werden. GEO wird damit zur Disziplin der „Brand & Content Authority“.

Entwertetes „Generisches Content Marketing“ vs. Skalierung per RAG

Ein erstaunliches Ergebnis der Studie ist der Absturz klassischer Marketing-Schlagworte:

• Content Marketing stürzt ab: Im Sommer 2025 noch auf Rang 2, fällt es in der aktuellen Erhebung auf Rang 18 (-16 Plätze).

• Storytelling verliert massiv: Absturz von Rang 6 auf Rang 16. Nur noch 40 % (vorher 79 %) halten Storytelling für aktuell primär relevant.

Dies bedeutet keineswegs, dass gute Inhalte wertlos geworden sind. Vielmehr ist die Ära der „minderwertigen Content-Fabriken“ vorbei, die reine SEO-Texte am Fließband produzierten. KI kann unstrukturierte Allerwelts-Texte auf Knopfdruck generieren.

Die neue Strategie für Verlage: RAG-Systeme

Erfolgreiche Medien- und Markenbeispiele (in der Studie genannt werden Firmen wie Kraft Heinz mit der „TasteMaker“-RAG-Engine) zeigen, wie KI-Skalierung richtig funktioniert: Sie nutzen Retrieval-Augmented Generation (RAG). Indem das KI-Modell mit der verlagseigenen, urheberrechtlich geschützten Wissensdatenbank und dem Archiv verknüpft wird, lassen sich markenkonforme, hochgradig personalisierte Artikel, Newsletter und Social-Media-Assets sekundenschnell erstellen – bei voller Brand-Safety und IP-Schutz.

Die Verlags-Überlebensmatrix: E-Mail & LinkedIn als unersetzliche Kanäle

Ein Blick auf die Kanallandschaft zeigt eine extrem scharfe Polarisierung zwischen gesicherten Reichweiten-Fundamenten und stark experimentellen Formaten:

• LinkedIn (75 % aktiv / +3 % geplant): Die unangefochtene Nummer 1. Für B2B-Verlage, Fachmedien und Reader Revenue im B2B-Bereich ist LinkedIn die kritische Infrastruktur für Thought Leadership und Direct Sales.

• E-Mail-Marketing (72 % aktiv / +4 % geplant): E-Mail bleibt das wertvollste First-Party-Asset. In Zeiten verschwindender Third-Party-Cookies ist der Newsletter die stärkste Bindungs- und Konversionswaffe für Abonnements.

• Podcasts (25 % aktiv / +10 % geplant): Mit über 40 % relativer Wachstumsabsicht ist Audio/Podcast der dynamischste Expansionskanal für Medienhäuser zur Abonnentenbindung.

• TikTok (23 % aktiv, hoher Engagement-Wert): Erzielte laut Auswertung eine durchschnittliche User-Engagement-Rate von 4,9 % (im Vergleich zu LinkedIn mit 1,1 % und Instagram mit 1,8 %). TikTok ist zwar ein Polarisierungsthema, aber für B2C-Verlage bei der jüngeren Zielgruppenansprache unumgänglich.

CRM, First-Party-Data und die B2B-Vertriebsrevolution

Im Bereich CRM lässt sich eine deutliche Verschiebung von defensiven regulatorischen Fragen hin zu offensiver Infrastruktur feststellen:

• Datenschutz (von Rang 11 auf 42) und Consent Management (von 39 auf 68) fallen stark ab – sie werden mittlerweile als gelöstes Pflichtprogramm („Hygienefaktoren“) betrachtet.

• Gewinner sind First-Party-Daten (Rang 19, +13 Plätze), die 360°-Kundensicht (Rang 15, +8 Plätze) und Predictive Analytics (Rang 27, +8 Plätze).

Aufbau von „Single Customer Views“ im Verlag

Fallstudien der Präsentation (wie Virgin Atlantic oder Adidas) demonstrieren, worauf es für Verlage beim Lesermarketing ankommt: Die Verknüpfung aller Interaktionspunkte (Website-Besuche, Newsletter-Clicks, Event-Teilnahmen, Abo-Historie) in einer Customer Data Platform (CDP). Erst dadurch wird vorausschauende Churn-Prevention möglich – man erkennt Kündigungsabsichten, bevor der Abonnent explizit kündigt.

KI-Agenten im Verlagsvertrieb (B2B & Anzeigengeschäft)

Für die Vermarktung von Anzeigen, Sponsoring und B2B-Abos revolutionieren KI-Agenten die Arbeit der Sales-Teams. Wie Best-Practices zeigen, analysieren KI-Tools automatisiert das Kaufverhalten und das Ideal Customer Profile (ICP), erkennen Website-Besuche von Entscheider:innen und versorgen das Sales-Team in Echtzeit mit konkreten Kontaktansprachen.

Roadmap für Verlagsentscheider:innen: Die 4 strategischen Handlungsfelder

Etablierung einer GEO-Strategie (Generative Engine Optimisation):

Verlage müssen ihre Redaktions- und CMS-Systeme so strukturieren, dass Inhalte von KI-Crawler präzise ausgelesen werden können. Das bedeutet: Klare Datenstrukturen, hohe Zitierfähigkeit, Stärkung der verlagseigenen Autorenmarken und Durchsetzung von Lizenz- und Monetarisierungsmodellen gegenüber LLM-Anbietern.

RAG-basierte Content-Recycling-Infrastruktur aufbauen:

Nutzen Sie Ihr wertvolles Verlagsarchiv. Mithilfe interner KI-Assistenten (RAG) sollten Fachartikel automatisch in Newsletter-Snippets, LinkedIn-Beiträge, Podcast-Skripte oder Infografiken für Social Media transformiert werden.

Fokus auf First-Party-Data & Direct-to-Consumer (D2C):

Verlassen Sie sich nicht auf Plattform-Traffic. Der Ausbau der eigenen Newsletter-Flotte und die Anreichung von Nutzerprofilen mit Verhaltensdaten ist das einzige Mittel gegen die Abhängigkeit von Suchmaschinen und Social-Media-Algorithmen.

Einsatz von Conversational AI für Reader Engagement & Customer Support:

Conversational AI macht einen Sprung von Rang 21 auf 11. Interaktive Paywalls und intelligente Chatbots im Kundenservice reduzieren Supportkosten und steigern die Abo-Konversionsrate drastisch.

Fazit

Der Future Marketing Index 2026 sendet ein unmissverständliches Signal an die Medienbranche: Die Zeit isolierter Silos ist vorbei. Verlage, die KI lediglich als Sparstrumpf für die Redaktion betrachten, greifen zu kurz. Die Gewinner der Transformation 2026 sind Medienhäuser, die KI als integriertes Betriebssystem verstehen – von der intelligenten Content-Erschließung über GEO bis hin zur hochgradig personalisierten Leseransprache im First-Party-CRM.

Am ersten Dmxco-Tag, 23. September, um 10:20 Uhr, stellt Torsten Schwarz auf der Agencies-Stage in Halle 8 die wichtigsten Ergebnisse der neuen Digital Marketing Benchmarks vor. Der Foliensatz zur Präsentation kann hier kostenlos bestellt werden.